HIER UND JETZT


Sie nennt sie „meine Kisten“ und meint es eigentlich liebevoll. Sie nimmt sie in die Hand, wie man einen jungen Kater am Nacken packt, mit einer Geste, die eine widersprüchliche Mischung aus Respekt und Schroffheit verrät. In ihrem Umgang mit ihnen ist sie meistens grob, erzählt sie. Sie würde sie niemals ramponieren. Aber sie will sie auch nicht wie kostbare Preziosen behandeln und ein Schutznetz zwischen ihnen und der Welt weben.

Letztendlich bestehen die malerischen Arbeiten von Melanie Balsam-Parasole aus nichts anderem als aus trivialen Pappkartonstreifen, die ohne weitere Sorgfalt zu viereckigen Kästchen zusammengeklebt wurden. Das Material ist so gewöhnlich, seine Bearbeitung so unspektakulär, dass man beinah geneigt wäre, an Arte Povera zu denken. Anderseits sind die Formen so reduziert und puristisch, so streng gehalten, dass sie Minimal Art evozieren. Aber da sind diese zahlreichen Schichten an der Oberfläche der Kästchen; da sind diese Farbspuren, entstanden in einem geduldigen Prozess der Überlagerung und der Verdichtung; da sind diese reichhaltigen Nuancen und Tiefen der Farbe, flatternd, schimmernd, eine hauchzarte Farbaura bis zur Wand ausstrahlend. Diese Malerei hat rein gar nichts mit Arte Povera und Minimal Art zu tun.

Freilich geben Balsam-Parasoles Kisten Raum für weitere Missverständnisse: In ihrer unleugbaren Dreidimensionalität beschwören sie die Bildhauerei herauf. Aber sie hängen mit dem Rücken zur Wand und nehmen keinen eindeutigen Bezug zum übrigen Raum. Betrachtet als reine Malereistücke sind sie wiederum zu voluminös, zu körperhaft, ja zu klobig. Die Fläche ist ihnen nicht genug. Also nun? Handelt es sich hier um einen Hybridisierungsversuch? Um einen Klon aus Malerei und Bildhauerei? Auch nicht. Das größte Missverständnis liegt nämlich darin, diese Kisten als bemalte Objekte zu interpretieren, wo es sich doch um objekthafte Malerei handelt. Die Kisten von Balsam-Parasole sind ausschließlich Malerei.

Trotz ihrer ungehobelten Erscheinung spielt diese Malerei mit dem hohen Anspruch, den die Malerei seit nun einem Jahrhundert erhebt: der Öffnung eines spirituellen Raumes durch die reine Farbe. Alle physischen Raumgrenzen aufzuheben, um den Betrachter in einen ideellen Farbraum zu transportieren, ist eines der größten Vorhaben der Moderne. Die Maler, die sich um diese Sublimierung bemühen, wollen die phänomenologische Wahrnehmung überwinden und den kartesianischen Raum durch einen inneren Raum ersetzen – einen Raum, der ganz Klang und Lichtvibration wäre. Dieses Projekt einer Wiedereinführung des Transzendentalen in der Malerei hat vom Suprematismus zum Colourfield Painting die unterschiedlichsten Spielarten erfahren. Aber hier ist alles nur gespielt.

Denn die Malerei von Balsam-Parasole lehnt zugleich das wichtigste Dispositiv der Farbfeldmalerei ab. Die kleinen, süßen Kisten scheinen die Monumentalität des Colourfield Painting zu verspotten und jedes empathische Einlassen auf die Wirkkraft der Farbe zu verbieten. Hier kann sich der Körper des Rezipienten nie in der Grenzenlosigkeit und Erhabenheit der Farbräume auflösen. Das physische Verhältnis der Gemälde zum Körper wird regelrecht umgekehrt: Die Farbräume saugen nicht mehr das Sujet ab, sondern liegen ruhig in seiner Hand. Der menschliche Körper, der vor diesen winzigen Kisten steht, kann jederzeit den Farbraum am Nacken packen und wie einen bösen Kater vor die Tür setzen. Er kann das Bild wie eine Ikone an die Wand hängen oder in einer Geste zertrümmern. Es gibt eine gewisse Frechheit in der Malerei von Melanie Balsam-Parasole. Ein sanfter, aber trotziger Ikonoklasmus.

Und auch ein klares Bekenntnis zur Sinnenwelt – im platonischen Sinne. Zwischen der Welt der Immanenz und der Transzendenz hat Melanie gewählt. Zwischen dem Rausch der Auflösung im Farbkosmos und der Nüchternheit des irdischen Daseins hat sie Stellung bezogen. Sie stoppt den Farbstrudel, materialisiert den Schwarm in einem Körper. Sie fixiert die reine Farbe – als unfassbare Substanz, sich in einem unbestimmten Raum ausdehnend – und implantiert sie in eine feste Struktur, sublimiert also in einer gewissen Weise zurück. Das Fluidum kristallisiert sich, erhält scharfe Konturen und ein Rückgrat, das es ihm erst ermöglicht, die Erdanziehung zu erfahren, sich im Diesseits zu behaupten. Alles wird greifbar, so präsent.

Die Malerin konstruiert also; sie konstruiert Malerei. Und erinnert uns dadurch daran, dass die Farbe nicht nur Essenz, Substanz, Geist oder Klang im Äther ist. Die Farbe ist auch Körper, Fleisch, Samen. Die Farbe ist auch ein konkreter Bestandteil unserer Welt. Ein Ding, hier und jetzt. Manipulierbar, veränderlich, empfindlich.

Melanie Balsam-Parasole holt die Farbe aus ihrem entrückten Reich auf den harten Boden der Tatsachen zurück. Wie eine Geburtshelferin zieht sie daran, bis die Farbe erscheint und in der Hand liegt. Diese Geste ist eine Geste, die zugleich schroff und respektvoll wirkt. Eine Geste, welche die Dinge packt und sie mit der Härte, mit der physischen Gnadenlosigkeit der Welt konfrontiert. Die Dinge – diese Malerei – sind nicht unantastbar, nicht magisch, nicht göttlich; sie bedürfen keines Schutznetzes. Sie sind hier. Genauso präsent, genauso ausgeliefert wie du und ich. Und sie werden in Berührung gebracht mit allem, was uns so empfindlich und verletzlich – so lebendig – macht. Die Malerei von Melanie Balsam-Parasole wird nicht nur ausgestellt. Sie wird ausgesetzt. Wie du und ich.

Dr.Emmanuel Mir, August 2009